Wussten Sie eigentlich …
… dass Hysterie als Diagnose entstand, weil man sich insbesondere Frauen befallende Krankheiten in der antiken Medizin nur durch Bewegungen der Gebärmutter erklären konnte? Hystéra ist das griechische Wort für Gebärmutter.
Wenn eine seelische Not die Bühne betritt
Im 19. Jahrhundert erlebte die Hysterie eine Hochkonjunktur. Sie galt als Inbegriff einer „hyperweiblichen“ Nervenkrankheit. „Brüllt ein Mann, ist er dynamisch, brüllt eine Frau, ist sie hysterisch“ sagte Hildegard Knef. Sigmund Freuds Psychoanalyse erkannte ins Unbewusste verdrängte Konflikte und Traumata als ursächlich für die Hysterie. Demnach entladen sich seelische Probleme in körperlichen Symptomen. In der modernen Psychiatrie hat „Hysterie“ als Diagnose längst ausgedient. Dieses Syndrom wird heute je nach Symptomatik präziser unterteilt in dissoziative Störung, somatoforme Störung, histrionische Persönlichkeitsstörung. Frauen und Männer können gleichermaßen betroffen sein. Eine dissoziative Störung äußert sich durch das unwillkürliche Abspalten von Erinnerungen, Wahrnehmungen, Gefühlen oder der eigenen Identität. Betroffene fühlen sich oft wie „wie weggetreten“, nehmen ihren Körper nur wie betäubt wahr, ohne dass es eine körperliche Ursache dafür gibt. Diese Konversionsstörungen, ob Amnesie (Erinnerungsverlust), Fugue (Ortswechsel oder Identitätsveränderungen) oder Stupor (Erstarrung oder Reglosigkeit) können auch eine Art Schutz gegen die Überflutung durch innere Reize sein. Eine somatoforme Störung zeigt sich durch wiederkehrende körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Schwindel oder Magen-Darm-Probleme, für die ärztlich keine ausreichende organische Ursache gefunden wird. Die Schmerzen und Symptome sind real und keine Einbildung, gehen jedoch mit starker Sorge und einer großen Belastung im Alltag einher. Die histrionische Persönlichkeitsstörung ist durch theatralisches, affektiertes und gleichzeitig egozentrisches Verhalten gekennzeichnet. Die Betroffenen neigen dazu, starke, übertriebene Gefühle zu zeigen und haben ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Lob. Auf andere wirkt dieses Verhalten oft oberflächlich. Sie haben eine geringe Frustrationstoleranz, so dass selbst kleine Anlässe häufig zu einem starken Ausbruch von Gefühlen führen. In der Summe ist es das unechte Ausdrücken einer echten Not.
Key Takeaway: Seelische Probleme gehen oft verschlungene, heimliche Wege. Das Leiden ist echt, wird vom sozialen Umfeld aber zu oft als eingebildet, aufgesetzt, theatralisch abgetan. Damit wird man den Betroffenen keinesfalls gerecht. Wann immer die somatische Medizin trotz sorgfältiger Diagnostik anhaltende Beschwerden nicht erklären kann, sollte man die Psyche als Auslöser genauer betrachten. Dann können wirkungsvolle psychotherapeutische Interventionen greifen.
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Ihr
Dr. Stefan Gerhardinger
