Wussten Sie eigentlich …
… dass gemäß KKH Panikstörungen und generalisierte Angststörungen von 2010 bis 2020 um 46 % zugenommen haben? Etwa 5 % aller Deutschen bekommen im Laufe des Lebens die Diagnose generalisierte Angststörung. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Frei flottierende Angst
Der Philosoph Sören Kierkegaard unterschied im 19. Jahrhundert zwischen Furcht und Angst. Demnach beziehe sich Furcht auf eine konkrete Gefahr, Angst sei ein vages, diffuses Gefühl, oft ohne reale Auslöser. Krisen aller Art wirken wie Brandbeschleuniger und können eine generalisierte Angststörung auslösen oder verstärken, indem sie bestehende Ängstlichkeit erhöhen. Das Gefühl der Hilflosigkeit verstärkt sich, Ohnmacht befördert Angst. Generalisierte Angst, früher auch als Angstneurose, später als frei flottierende Angst beschrieben, bedeutet, dass sich die Angst ausbreitet, sich in unserer Seele einnistet, unser Innerstes durchdringt und beherrscht. Das Erscheinungsbild ist individuell sehr verschieden, zentrale Symptome sind: Anhaltendes Gefühl von Unruhe, Anspannung, Besorgtheit, Nervosität, Grübelei, Zittern, Herzklopfen, Muskelverspannungen, Schwitzen, Schwindelgefühle, Bauchschmerzen. Zentrale Inhalte sind Angst vor Krankheiten und Tod, bei sich selbst oder nahen, wichtigen Bezugspersonen. Gefahren im Straßenverkehr oder generell im Alltag werden deutlich überschätzt. Es regiert Existenz- und Lebensangst und die Angst, künftigen Herausforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Weil die Beschwerden nicht an bestimmte auslösende Situationen gebunden zu sein scheinen, wird die Problematik von Betroffenen oft zu lange nicht als Angst erkannt. Ergebnisloses Doktor-Hopping und damit eine Odyssee durchs Therapiesystem verstärken die Hilflosigkeit und damit die Angststörung. Männern fällt es eher schwer sich einzugestehen, an Angst zu leiden. Wer will schon scheinbar grundlos ein Angsthase sein. Angst ist eine lebenswichtige Emotion. Wenn sie außer Kontrolle gerät, wird sie zur starken Beeinträchtigung. Wer in eine anhaltend quälende Angstspirale gerät und zunehmend die Macht über die eigenen sorgenvollen Gedanken verliert, sollte psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Vermeidung ist die Schwester der Angst. Betroffene ergeben sich ihren Befürchtungen, ziehen sich zurück, was erhebliche Einbußen an Lebensqualität zur Folge hat. Depression ist häufig eine Folge anhaltender generalisierter Angst.
Key Takeaway:
Bringen Sie Ordnung in Ihre Sorgen. Führen Sie ein Sorgentagebuch, beschreiben Sie Ihre sorgenvollen Gedanken so konkret wie möglich. Diskutieren Sie Ihre Sorgen mit einer vertrauten Person. Erstellen Sie eine Rangreihe nach Wichtigkeit und Bedeutung der Sorgen. Trennen Sie lösbare von unlösbaren und realistische von unrealistischen Problemen. Schaffen Sie Entlastung im alltäglichen Leben. Wenn der generelle Stresspegel nicht hoch ist, hat die Entwicklung von Angstsymptomatik weniger Chancen.
Ihr
Dr. Stefan Gerhardinger
